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HERETOIR – Interview

Mit "The Circle" melden sich HERETOIR nach langer Zeit der Stille endlich wieder an der Front. Warum die Bewerkstelligung dauerte und was es genau damit auf sich hat, das wird das folgende Gespräch klären.

Raben Report: Gruß und Gratulation zu einem feinen Werk! Wie wirkt "The Circle" nach abgeschlossener Arbeit auf euch? Was geht da zuerst durch den Kopf?

David: Hallo und vielen Dank! Nach fast sechs intensiven Jahren der Arbeit an "The Circle" fühlt es sich erstmal extrem erleichternd an, das Album endlich der Öffentlichkeit präsentieren zu können. Ebenso wie viele unserer Hörer, haben wir uns lange danach gesehnt, dass dieser Zeitpunkt endlich kommt. Es wurde viel Zeit in das Album investiert, um Kompositionen auszuarbeiten und dieses eine Bild des Albums, das von Anfang an im Kopf da war (und das mit der Zeit auch immer klarer und klarer wurde), so gut umzusetzen wie es uns möglich war. Während der langen Zeitspanne seit dem ersten Album haben sich musikalisch viele Dinge verändert und ich würde behaupten, dass Heretoir diese Zeit gebraucht hat, um zu 'reifen' – gerade beim Songwriting war es uns wichtig, uns all die Zeit zu nehmen, die wir brauchen und keine halben Sachen zu machen. Der Produktionsprozess des Albums im Studio war langwierig und anstrengend, doch am Ende hat sich für uns jede Sekunde der Arbeit am Album wirklich gelohnt– wir sind mehr als zufrieden mit dem Ergebnis!

Raben Report: Worin sind die stärksten Unterschiede zum Erstlingswerk zu finden?

David: Gerade in puncto Gesang, Rhythmik und Sound wurde viel Neues probiert und mit der Verknüpfung verschiedener Stile gespielt. Manches wird für einen alt eingesessenen Heretoir-Fan vielleicht ungewohnt sein, aber für uns war die Tatsache, andere Stile miteinfließen zu lassen, nur eine logische Weiterentwicklung, die sich sehr gut anfühlt. Mir persönlich war es für "The Circle" sehr wichtig, mehr Gewicht auf den Gesang zu legen, mehr zu experimentieren, mich an Limits zu treiben und die Stimme noch vielseitiger als in der Vergangenheit zu nutzen. Außerdem ist "The Circle" für mich in seiner Grundstimmung deutlich positiver als "Heretoir". Auf "Heretoir" ging es um Verlust und Trauer und es war ein entsprechend düsteres, aber auch sehr verträumtes Album. "The Circle" hat ebenso seine düsteren Momente, aber mit der Sonne als zentrales wiederkehrendes Element zieht sich da definitiv ein hoffnungsvollerer Ton durch die Scheibe. Ich denke "The Circle" klingt ein bisschen differenzierter, durchdachter, progressiver und auch 'härter' als unser Debut – die allgegenwärtige Melancholie, die man schon von "Heretoir" kannte, schwingt aber zu jedem Zeitpunkt mit und wird immer ein fester Bestandteil von Heretoir bleiben. Alles in allem wollten wir uns nicht wiederholen und einfach ein "Heretoir 2.0" schreiben. Was mit dem Debut gesagt werden sollte, wurde gesagt und mit "The Circle" haben wir ein neues Kapitel geöffnet.

Raben Report: Was war der Punkt für euch, sich auf dem aktuellen Album der Thematik Leben/Tod anzunehmen? Eigene Erfahrungen?

David: Ich denke jeder von uns hat in seinem Leben bereits Erfahrungen mit dem Thema Tod gemacht – so auch jeder in der Band. Das ist defintiv auch zum Teil etwas, das Einfluss auf die Entstehung der Album Thematik hatte. In unserer Musik war es schon immer ein wichtiger Aspekt beim Hörer gleichzeitig verschiedenste, manchmal auch gegensätzliche Emotionen zu wecken und ihn auf eine Reise durch emotionale Höhen und Tiefen mitzunehmen. Durch genau die Höhen und Tiefen, die jeder von uns aus seiner täglichen Lebensrealität kennt. Und gerade bei "The Circle" ging es darum, dieses Thema zu beleuchten und das Leben in all seinen Facetten nachzuzeichnen... die Menschen zum Nachdenken anzuregen und ihnen einen Spiegel vorzuhalten. Unser Leben ist, wo man auch hinschaut, voll von Kreisläufen. Der Kreislauf eines Tags mit Sonnenauf- und -untergang, der Kreislauf unserer Jahreszeiten. Sie sind überall zu finden. Leben entsteht, überdauert und stirbt irgendwann. Auf den Tod folgt irgendwo immer wieder neues Leben. Ich finde diese immer wiederkehrenden Abläufe einfach faszinierend und sie haben, neben einer sehr speziellen Verbindung zur Sonne, dieses Konzept inspiriert.

Raben Report: Auch die Wiedergeburt findet ihre Abhandlung. Glaubt ihr selbst daran, oder vielleicht an andere Dinge?

David: Ich würde mich durchaus als einen spirituellen, nicht aber als einen 'gläubigen' Menschen bezeichnen. Es ist ein schwieriges Thema und ich sehe es wie jeder auf eine sehr eigene Weise. Es mag nicht direkt das Thema 'Wiedergeburt' im Sinne von Reinkarnation als ein neuer Mensch oder als Tier betreffen, aber: ich denke, dass die Dinge in unserer Welt im Fluss sind und mit dem Tod nicht alles von uns verloren geht, sondern irgendwo unsere 'Energie', unser Vermächtnis, erhalten bleibt. Wenn wir sterben, hinterlassen wir der Welt (im besten Fall) etwas, das wir in unserem Leben verfolgt oder geleistet haben und für das sich vielleicht auch nur ein einziger Mensch immer an uns erinnern wird. Eine 'Energie', etwas von uns, lebt in anderer Form weiter und wird womöglich auch an neues Leben weitergetragen – und lebt in diesem wieder neu auf.

Nils: Ich bin eigentlich ein ziemlich logischer Mensch und versuche Erklärungen für Fragen zu finden. Anstatt mich zu fragen, ob es z.B. einen Himmel oder Gott gibt, stelle ich mir eher die Frage, wem dieser oder jener Gott nützt. Ich denke die meisten religiösen Systeme sind vor allem dazu da, um Menschen in gewissen Bahnen zu halten. In jeder mir bekannten Religion geht es vor allem um Regeln, die den Menschen 'den richtigen Weg' weisen. Diese Regeln sind aber von Menschen erdacht und niedergeschrieben worden. Zumeist stehen auf Missachtung der Regeln hohe Sanktionen. Ich empfinde das Leben schon als sehr reguliert, mir häufig zu reguliert. Ein weiterer Grund, warum ich mit Religionen o.ä. nichts anfangen kann. Religionen ähneln in meiner Wahrnehmung Verschwörungstheorien, da auch diese einfache Antworten auf komplexe Sachverhalte bieten. Es ist viel einfacher hinter allem den Satan oder eine böse Macht zu vermuten, anstatt sich mit der komplexen Realität auseinanderzusetzen und sich auch selber einzugestehen, dass man selber ein Teil dessen ist, was die Welt so kompliziert macht. Ähnlich verhält es sich meiner Meinung nach mit dem Thema Wiedergeburt. Niemand kann wissen, ob wir erneut auf die Erde kommen, als Mensch oder Tier, oder ob einfach alles irgendwann vorbei ist. Wir können uns aussuchen, an was wir glauben. Ich bin der festen Überzeugung, dass irgendwann der Schalter umgelegt wird und das Leben vorbei ist. Dieser Gedanke beruhigt mich, da ich zwar gerne lebe und die Zeit genieße, mir ein ewig andauernder Zyklus aber eine ziemliche Furcht einjagt. Innerhalb der Band gibt es allerdings verschiedene Ansichten zu diesem Thema, was die Auseinandersetzung während des Songwritings spannend machte.

Raben Report: Wenn man "The Circle" als eine Art Traum wiedergeben müsste, wie würde jener in euren Augen aussehen? Eine Art von Flucht oder vielmehr Realitätsbewältigung?

David: Ich denke, das Album spiegelt sowohl die Themen Flucht, aber auch Realitätsbewältigung wider. In "The Circle" durchlebt eine Person das Leben in all seiner Schönheit, aber auch in all seiner Härte. Sie wird aus der Sonne, 'dem Weiß', geboren und muss sich in einer rasanten Welt voller Egoismus, Unsicherheit, Hass und Vergänglichkeit zurecht finden. Je mehr sie über diese Welt und Gesellschaft in ihrer Jugend erfährt, desto mehr sehnt sie sich zur Sonne zurück. Schließlich kehrt sie der Welt bereits in jungen Jahren den Rücken und begibt sich auf eine eigene Reise fernab der Zivilisation,um mehr zu sich selbst zu finden – um am Ende wieder eins mit der für sie vollkommenen 'Mutter' Sonne zu werden. Auf diesem Weg durchlebt die Person intensive Momente der Schönheit aber auch der Einsamkeit und Resignation. Die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit ihres Daseins als Mensch und dem unabwendbaren Tod wird zum Ende hin immer intensiver, bis sie diesem auch von Angesicht zu Angesicht gegenüber steht, ihn 'herbeiruft' und bereit ist, zu gehen – um wieder mit dem Weiß zu verschmelzen, aus dem sie kam. Der gesamte Albumablauf, der das Leben dieser Person widerspiegelt, kann gleichzeitig als der Ablauf eines Tages-Sonnenzyklus gesehen werden.

Raben Report: Das Artwork bildet eine gute Brücke zum Inhalt von "The Circle". Gab es von Beginn an feste Vorstellungen dazu?

David: Wir haben ja bereits für "Heretoir" mit Fursy Teyssier zusammengearbeitet. Er ist einfach ein fantastischer Künstler, der eine unverkennbare eigene Handschrift hat. Die Idee, die Cover-Vorstellung, die ich damals für "Heretoir" hatte, hat er auf eine einprägsame und wunderschöne Weise umgesetzt und deshalb war es für uns glasklar, dass wir ihn auch für das Cover von "The Circle" anfragen würden. Dass er trotz sehr vieler Projekte die zeitlichen Ressourcen dafür aufbringen konnte und es erneut geklappt hat, freut uns sehr. Zu dem Cover von "The Circle" gab es von Anfang an konkrete Vorstellungen. Es war klar, dass es das Albumkonzept, die Sonnenthematik und auch die sphärischen Elemente unserer Musik deutlich zum Ausdruck bringen sollte –und was soll ich sagen: ich denke, das ist Fursy mehr als gelungen.

Raben Report: Wie konntet ihr Neige von Alcest überzeugen, als Gast mitzuwirken?

David: Ich kenne Neige nun schon seit einigen Jahren und mit dem Lauf der Zeit ist er ein sehr guter Freund geworden. In der langen Schaffensperiode zu "The Circle" habe ich ihm bereits einige Vorproduktionen gezeigt, die konkrete Idee zu Gastgesang kam aber erst auf, als alle Songs tatsächlich standen und ich ihm das gesamte Album kurz vor den Studioaufnahmen geschickt habe. "Laniakea Dances (Soleils Couchants)" hat ihm aufgrund des verträumten Charakters besonders zugesagt und wir alle waren sehr glücklich darüber, dass sich letztendlich seine Beteiligung am Album ergeben hat - schließlich hat Alcest jeden in der Band in der Vergangenheit irgendwo musikalisch geprägt.

Raben Report: Ein neuer Schlagzeuger hat den Weg zu euch gefunden? Was hat es damit auf sich und wie habt ihr euch kennengelernt? Gibt es noch anderweitige Veränderungen bei euch?

Nils: Ich habe die Jungs vor einigen Jahren kennengelernt, als wir eine Show zusammen spielten (ich habe damals noch bei Fäulnis gespielt). Irgendwann schrieb David mir und fragte, ob ich nicht das Re-Release der ersten Heretoir Demos einspielen könne. Darüber haben wir uns angefreundet und ich bin dann später auch bei Thränenkind als Sänger gelandet. Da ich vor kurzem bei Ophis ausgestiegen bin und wir uns bei Thränenkind und Heretoir von unserem damaligen Drummer Manu trennen mussten, lag es nahe, dass ich einsteige. Auch wenn wir eine ziemliche Distanz zwischen uns haben, funktioniert es doch ziemlich gut. Da ich in Hamburg lebe und der Rest in München, bedeutet es natürlich, dass wir alle zu Hause viel üben müssen. Das funktioniert aber dank Clicktracks und Internet sehr gut. Es wird in Zukunft auf jeden Fall spannend werden, inwiefern sich die Musik verändert. Ich werde versuchen meine Ideen und Kreativität einzubringen und so vielleicht die eine oder andere Tür aufzustoßen, die beim Songwriting bisher noch verschlossen war. Es ist super interessant zu sehen, wie sich Bands entwickeln, wenn neue Musiker hinzukommen. Ich kann dies gerade sehr gut erfahren, weil jeweils Ophis und Fäulnis mit neuen Drummern Platten machen.

Raben Report: Dafür, dass HERETOIR schon recht lang existent ist, scheint man bescheiden, was die Veröffentlichungen angeht. Die lange Zeit zwischen den beiden Alben scheint dies zu bestätigen. Oder gibt es gewisse Gründe dafür?

David: Wie Eingangs schon erwähnt: wir wollten keinen Schnellschuss bzw. etwas für uns Halbgares veröffentlichen. Lieber nehme ich mir die Zeit und investiere alles in Musik, die Substanz hat und mit der ich wirklich zufrieden bin, als etwas für mich'unfertiges' zu veröffentlichen, damit der Hörer etwas Neues bekommt. Ich mag es ehrlich gesagt überhaupt nicht, mich in dieser Hinsicht unter Druck setzen zu lassen oder irgendwo im Musikbusiness 'mitziehen' zu müssen, weil Band A oder B im 1,5 Jahres-Turnus Alben veröffentlicht.Und besonders bei 'The Circle', wo sich auch musikalisch so viel entwickelt hat, war es uns wichtig, uns diese Zeit zu nehmen. Ich muss zugeben, dass ich überaus perfektionistisch bin – daher wurde vieles auch vermehrt um arrangiert und so manche Idee wurde verworfen.Wenn Songs entstehen und ein Album langsam in seinem Fluss und auch konzeptuell eine konkrete Form annimmt, gibt es einen Punkt an dem ich merke, dass es wirklich 'fertig' ist. Bis zu diesem Punkt hat es im Fall von "The Circle" 6 Jahre gedauert. In diesen 6 Jahren gab es aber vor allem auch äußere Umstände (wie z.B. einem Vollzeitjob nachzugehen) und persönliche Veränderungen, die zu dieser Dauer beigetragen haben. Wer sich nun Sorgen macht: bis zum dritten Heretoir Album wird es keine 6 Jahre dauern! 😉

Raben Report: Wir leben in einer verrückten und gefährlichen Welt. Inwieweit versucht ihr euch mit HERETOIR damit auseinanderzusetzen?

Nils: Statistisch gesehen ist die Welt so friedlich wie noch niemals zuvor. Forscher gehen davon aus, dass dies auch eine Art Trend ist, der sich in den nächsten Jahren nicht verändern wird. Aber natürlich wirkt die Welt anders und auch ich bekomme es teilweise mit der Angst zu tun, wenn ich sehe was um uns herum passiert. Es scheint so, als würde die gesamte Welt nach rechts rücken. In nahezu jedem europäischen Land wird es wieder gesellschaftlich anerkannt gegen Minderheiten und Geflüchtete zu hetzen. Menschen scheinen immer überforderter mit der fortschreitenden Veränderung der Welt und stürzen sich in irrationale Erklärungsmuster und religiösen Fundamentalismus. Aufgrund des heutigen Lebensstils (besonders in westlich industrialisierten Staaten) sterben pro Tag etwa 3 bis 130 Arten aus und der gesamte Planet ist durch den Klimawandel bedroht. Dies sind Dinge, die mich auf der einen Seite erstarren lassen, mich aber auch immer wieder anspornen weiter zu machen. Musik ist für mich schon immer beides gewesen – Rückzugsort und Sprachrohr. Ich genieße es auch mich einfach mal nur berieseln zu lassen, aber häufiger brauche ich eine Aussage und Musik, die mich mit zieht. Wir verstehen Heretoir als etwas, das zum Nachdenken anregen soll, aber auch als eine Art Rückzugsort für einsame oder ausgegrenzte Menschen. Aber natürlich kann die Musik auch einfach nur genossen werden und zum Abschalten vom Alltag dienen. Es ist ein recht ambivalentes Verhältnis, das wohl viele Musiker/innen kennen. 

Raben Report: Noch Gedanken oder letzte Worte?

Nils: Vielen Dank für das Interview und das Interesse an der Band und vielen Dank an alle, die uns unterstützen. Im Mai und Juni werden wir auf Europa Tour gehen und bespielen dabei auch einige Städte in Deutschland. Genaue Dates kommen in Kürze und wir freuen uns, euch in vorderster Reihe zu sehen!

Artikelbild Copyright: Northern Silence Productions

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