Knesebeck Verlag

ERIC COBEYRAN, RICHARD HORNE: Die Verwandlung von Franz Kafka (Graphic Novel)

Vorab eine Kurzinfo zu Franz Kafkas Werk “Die Verwandlung“

Dieser Comicroman basiert auf der Erzählung “Die Verwandlung” von Franz Kafka. Sie ist im Jahre 1912 entstanden und erschien 1915 in Buchform. Es handelt sich um eines der bekanntesten Werke Kafkas. Es gibt eine Vielzahl von verschiedenen Interpretationen des Textes und meine Interpretation stellt auch nur einen möglichen Versuch dar, das Gelesene zu deuten.

Dieser Artikel wurde bewusst ohne eine ausführliche Zusammenfassung der Geschichte verfasst, um dem Leser das Vergnügen, das Buch zu lesen, nicht zu vermasseln. Jedoch finden sich, um eine Bewertung der Comicfassung zu leisten, eine Vielzahl von Elementen und Interpretationen des Textes in dieser Rezension. Ich möchte vorher eine massive Spoilerwarnung für potentielle Leser des Buches “Die Verwandlung” aussprechen.

Kurzer Umriss der Geschichte zum Verständnis des Artikels

Die Hauptfigur der Erzählung “Die Verwandlung” von Franz Kafka, Gregor Samsa, ist nach einer Arbeitsreise in sein Zuhause, in dem er mit seinen Eltern und Geschwistern lebt, zurückgekehrt, und wacht am nächsten Morgen in seinem Zimmer auf und hat sich in riesigen Käfer verwandelt. Nachdem er sich nach anfänglichen Schwierigkeiten in seinem neuen Körper zurechtgefunden hat, entdecken ihn seine Angehörigen und sperren ihn aus lauter Panik in seinem Zimmer ein. Nach einer Weile erkennen Sie, dass der Käfer kein Monster, sondern Gregor Samsa selbst ist und reagieren extrem unterschiedlich auf ihn. Während z.B. seine kleine Schwester kaum einen Unterschied zu früher ausmachen kann, wollen ihn andere Verwandte möglichst unbemerkt wieder loswerden. Zusätzlich erschwerend auf die ganze Situation wirkt die Tatsache, dass Gregor Samsa als alleiniger Versorger für den Unterhalt der ganzen Familie zuständig war. In seiner neuen Form gelingt es ihm aber, an Geheimnisse zu gelangen, die er früher niemals herausgefunden hätte…

“Die Verwandlung” als Comic – geht das überhaupt?

Das Medium Comic ist für eine Version von Franz Kafkas “Verwandlung” eigentlich sinnlos, da Franz Kafka selbst die Anweisung gab, dass die Verwandlung des Protagonisten Gregor Samsa nicht in Form von Bildern dargestellt werden soll. Dies ist zur Interpretation des Textes unumgänglich. Die Form des Käfers selbst soll nämlich alles andere als wörtlich aufgefasst werden. Vielmehr steht der Käfer für die enorme Veränderung von Gregor Samsa, der nach seiner Reise nicht mehr er selbst ist. Interpretierbar wäre dies z.B. als gewaltige Charakterveränderung oder eine ansteckende Krankheit, die für seine Angehörigen vergleichbar abstoßend wäre, wie die Verwandlung in einen riesigen Käfer, oder anders gesagt: ein Monster. Auch in der Verfilmung von Regisseur Jan Němec aus dem Jahr 1975 wird dieser Umstand durchgehend berücksichtigt, denn um den Blick auf Gregor Samsa stets zu vermeiden, wurde der ganze Film aus der Sicht von Gregor Samsa gedreht. Lediglich in Szenen, in denen er nicht vorkommt, werden andere Kamerawinkel, welche die handelnden Schauspieler zeigen, verwendet.

Es ist also notwendig, den Comic abseits dieser Tatsache zu bewerten. Meine Empfehlung also: unbedingt vorher das Buch lesen und den Comic als Erweiterung des Erlebnisses erst danach zu Gemüte führen. Denn wie wir sehen werden, hat der Comic durchaus seine Stärken und ist einen Blick wert!

Leider lag mir zur Rezension nur eine digitale Version des Comics vor, was ich sehr schade fand, da ich so keine Möglichkeit habe, wichtige Punkte wie Druckqualität und Haptik zu bewerten. Zudem bin ich kein Freund digitaler Medien, egal ob es sich hierbei um Videospiele, CDs oder Bücher handelt. Lesen Sie, geneigter Leser, hierzu bitte auch meinen demnächst erscheinenden Blog zu diesem Thema und wie ich als Kunde den Kampf gegen diesen Trend aufgenommen habe.

Wichtig ist hier nun aber zu erwähnen, dass dieser Comic in der Handelsversion, zum Glück, ausschließlich in Form einer physischen Ausgabe mit Hardcover besteht.

Die Zeichnungen

Der durchgehend düstere Stil, der durch die monotone Farbwahl noch verstärkt wird, sind die großen Stärken des Comics, da diese die Grundstimmung des Buches sehr gut wiedergeben. Kafkas beschriebene Welten sind von einer eigenartigen Stimmung erfüllt, welche sich schlecht beschreiben lassen. Elemente wie Grusel und Tristesse sind wichtige Elemente in vielen von Kafkas Werken, nicht umsonst wurde deswegen das Adjektiv “kafkaesk” erfunden, um genau diese Welten zu beschreiben, welche sich mit keiner anderen je erfundenen und beschriebenen Welt vergleichen lassen. Man weiß schon, weshalb wir es bei Kafkas Werken mit Weltliteratur zu tun haben.

Gut finde ich auch die Idee, Gregor Samsas Verwandlung in einen Käfer im Comic als eine Verwandlung in eine Kakerlake darzustellen. Die Kakerlake erinnert durch ihre Präsenz an befremdliche Wesenheiten, Krankheit, unhygienische Zustände und somit auch Seuchen und packt uns direkt an unseren Urängsten. Ein Käfer hätte diesen Effekt nicht ganz so effektiv hervorgerufen.

Die anderen handelnden Personen der Geschichte werden im Comic vom Zeichner Richard Horne recht undetailliert gezeichnet. Der Fokus liegt auf der Darstellung von Mimik und Gestik, die durch diese Methode noch besser gezeigt werden können.

Besonders gut beherrscht der Comic den Umgang von Gregor Samsas Schwester, Grete Samsa, mit dem verwandelten Bruder, da sie als einzige Person keine Angst vor dessen neuer Form bzw. seinem neuen Wesen hat. In einer Szene beispielsweise drückt sie diesen gar herzlich wie ein geliebtes Familienmitglied, das er ja trotz allem immer noch ist. Sie stellt die wohl wertvollste Figur der Geschichte dar, denn sie zeigt den unvoreingenommen kindlichen Umgang, der oft richtiger ist als der von Vorurteilen geprägte, konservative der Erwachsenen, die oft nur aus Angst oder Eigennutz falsche Entscheidungen treffen.

Der Text

Die Personen verwenden großteils tatsächlich die Dialoge und Texte aus dem Original. Das fördert die Atmosphäre und Stimmung des Comics. Eine “Modernisierung” der Texte oder gar des Szenarios wäre natürlich eine Möglichkeit gewesen. Ich persönlich finde es aber ohnehin gut so wie es ist, also ein Szenario, das im sehr frühen 20. Jahrhundert spielt.

Fazit

“Die Verwandlung” ist ein stimmungsvoller, gelungener Comic, der aber die Intention des Buches mit Füßen tritt. Für Leute, die sich einen Ersteindruck von Franz Kafkas Welten machen wollen, aber durchaus geeignet. Es ist sicher kein Comic für die breite Masse, aber diese Art Kundschaft gelangt eh nicht auf unsere Internetseite :).

Verlag/ Label: Knesebeck Verlag

Autor: Buchvorlage: Franz Kafka ; Graphic Novel: Eric Cobeyran

Veröffentlichung: 00.08.2010

Seitenzahl: 48

ISBN: 978-3-86873-266-5

Altersfreigabe: unbekannt

Webseite: http://www.knesebeck-verlag.de/die_verwandlung/t-34/136

Copyright Artikelbild: Knesebeck Verlag

  • 9/10
    Gesamteindruck - 9/10
9/10

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