MATEUSZ ALBRICHT – The Exiled: Siege

Das Brettspiel “The Exiled Siege“ von Mateusz Albricht entführt den Spieler in ein Belagerungsszenario vor dem Antlitz einer düsteren Mittelalter-Fantasy Welt. Das Spiel verwendet dabei Spielprinzipien eines Strategiespiels und setzt diese auf dem Spieltisch um. Ob sich diese Mechaniken auch wirklich so gut auf dem Spielbrett realisieren lassen, erfahrt ihr im folgendem Test zu “The Exiled Siege“:

Szenario

Ihr seid ein Verbrecher, Ausgestoßener, Abschaum. Eure letzte Chance auf Leben ist ein Himmelfahrtskommando, das euch und weitere Leidensgenossen als Pioniere in das Land archaischer Barbaren schickt um dort einen Stützpunkt zu errichten, das Land zu befrieden und dieses dem Königreich einzugliedern. So lautet das Angebot des Königs, auf dessen erfolgreiches Bestehen die vollständige Begnadigung winkt. So brecht ihr also auf ins jenes urtümliche Land und errichtet dort eine Festung, rekrutiert Truppen und bereitet euch auf den Ansturm der Ureinwohner vor, die ihrerseits mit gewaltigen Heeren, gefüllt mit Barbaren und schrecklichen Monstern gegen eure Mauern stürmen und euch ein für alle Mal aus ihrer Heimat vertreiben wollen. Wer am Ende noch steht, wird durch die richtigen Entscheidungen am Spieltisch entschieden.

Inhalt

Von “The Exiled Siege“ sind zwei verschiedene Fassungen erhältlich. Unsere Testfassung ist die hochwertigere mit über 119 Plastikminiaturen. Es ist jedoch auch eine preisgünstigere Fassung erhältlich, in der die Miniaturen durch gefärbte Holzklötze ausgetauscht wurden. Folgende Inhalte bietet die Box der Fassung von “The Exiled Siege“ mit den Miniaturen:

- Ein Regelheft

- ein zusammenklappbares Spielbrett

- 5 Bögen mit elementaren Infos und Statistiken für die Spieler

- 6 Heldenbögen

- 30 Spielelemente aus Pappe zur Darstellung der Festungsanlagen

- 12 Szenarios

- 190 Karten

- 65 kleine Marker aus Pappe

- 25 Pappmarker für Kriegsmaschinen

- 119 Miniaturen, davon 18 Waffenknechte, 10 Bogenschützen, 12 Schwertkämpfer, 30 Krieger, 12 Schleuderer, 12 Veteranen, 12 Spinnen, 6 Riesen und 7 Falken.

Bild 1: Hier sehen wir nochmal alle Inhalte von “The Exiled Siege“ aufgereiht.

Spielablauf

Es gibt drei grundsätzlich verschiedene Wege “The Exiled Siege“ zu spielen, und zwar einmal mit Spielern in der Rolle von Verteidigern und Angreifer, einem Modus bei dem alle Spieler die Position eines Verteidigers innehaben (Full Cooperation Mode) oder ein einzelner Spieler in der Rolle des Angreifers, wobei die “Regelwerk-KI“ dann das Verhalten der Gegner bestimmt (Attacker Solo Mode). In beiden letzteren Spielmodi kommen dann auch die Szenario-Karten zum Einsatz.

Alle Spielarten gliedern sich jedoch grundsätzlich in die sog. Aufbau-Stufe (Development Stage) und die Belagerungs-Stufe (Siege Stage). Diese werden wiederum in folgende Phasen aufgeteilt:

Aufbau-Stufe:

Phase 1: Vorbereitung des Entwicklungs-Decks des Angreifers

Phase 2: Vorbereitung des Entwicklungs-Decks des Verteidigers

Phase 3: Ausführung der Entwicklung

Belagerungs-Stufe:

Phase 1: Auswahl der Karten

Phase 2: Ordnen der verwendeten Karten

Phase 3: Auswahl der Karten für die Starthand

Phase 4: Aufstellung der Einheiten

Phase 5: Kampfphase

Phase 6: Clean-Up

Das gesamte Spiel durchläuft maximal 4-mal die Aufbau-Stufe und die Belagerungs-Stufe mit samt all ihrer Phasen. Am Ende steht dann der Gewinner fest. Das Spiel läuft dabei über einen Zeitraum von etwa zwei Stunden.

Bild 2: Das Design der Spielkarten ist extrem gut und verleiht dem Spiel zusätzlich Atmosphäre!

Das Spiel beginnt mit der Aufbau-Stufe, deren Länge vom Angreifer gesteuert wird, denn dieser kann seine eigene Vorbereitungsphase auch mitten drin einfach stoppen und den Angriff einleiten. Der oder die Verteidiger wissen also nie, ob ihre geplanten Verteidigungsmaßnahmen überhaupt umgesetzt werden können. Bei einem frühen Angriff hat aber auch der Angreifer kaum strategische Möglichkeiten und Truppen zur Verfügung. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die verteidigenden Truppen durch den Schutz der Verteidigungsanlagen deutliche Vorteile genießen, so dass diese auch in der Unterzahl einen Kampf für sich entscheiden können. Es gilt also jede Runde erneut abzuwägen wann ein Angriff sinnvoll sein kann.

Angreifer und Verteidiger können in der Aufbau-Stufe verschiedene Upgrades ihres Stützpunktes durchführen, wobei die Verteidiger auch ihre Verteidigungsanlagen aufrüsten müssen. Der Angreifer hingegen muss sein Camp aufrüsten um Zugriff auf weitere Funktionen zu erhalten, er selbst kann aber nicht angegriffen werden. Beide Parteien können verschiedene Einheiten ausbilden und Kriegsmaschinen bauen lassen. Der Angreifer kann zudem noch gefährliche Monster (gewaltige Spinnen, Riesen und gigantische Falken) für sein Heer rekrutieren. Es stehen in dieser Stufe auch noch weitere Möglichkeiten zur Verfügung (z.B. Verbreitung von Krankheiten in der Stadt des Verteidigers), die Aktionen dieser Phase sind also elementar wichtig um das Spiel zu gewinnen.

Sobald der Angreifer die Belagerungs-Stufe eingeleitet hat, werden die Spielkarten der Spieler geordnet. Die Zahl und die Art der Karten hängt auch von den Entscheidungen der Aufbau-Stufe ab. Nun werden die Karten nach Gruppen geordnet, da sie später den Spielverlauf bestimmen werden. Anschließend nehmen sich die Spieler ein Set von Karten in die Hand; diese Karten stellen dann die Möglichkeiten des Spielers zu Beginn der Belagerungs-Stufe dar. Daraufhin platzieren die Spieler ihre Truppen (inkl. der Kriegsmaschinerie) auf dem Feld, wobei natürlich beachtet werden muss, dass je nach Areal nur eine bestimmte Anzahl an Figuren darauf platziert werden darf. Durch Upgrades der Mauern und Türme der Stadt können die platzierbaren Einheitenmengen aber erhöht werden.

Die darauffolgende Kampfphase wird durch die Wahl der Handkarten ausgeführt. So wählt der Angreifer z.B. die Karte “Storm the Walls“ mit der er Nahkampfeinheiten befehlen kann die Mauern anzugreifen. Wenn ihm diese Karte jedoch auf der Starthand fehlt, ist es ihm nicht möglich diese Runde diese Aktion auszuführen. Natürlich gibt es dann aber zahlreiche Alternativen, wie etwa dem Angriff von Fernkampfeinheiten, der Zerstörung von Mauern usw.  Aber nicht nur die Truppenbewegungen, sondern auch der Kampf selbst werden durch das Ziehen von Karten und deren Folgeeffekte beeinflusst. Diese Effekte, die Kampfkraft und Anzahl der Truppen beeinflussen schließlich die Ausgänge der einzelnen Kämpfe. Gekämpft wird ganz vier Runden, es seid denn der Angreifer beendet diese Kampfphase vorzeitig durch Aussetzen seines Zuges. Dabei werden der Hand immer wieder neue Karten von den Kartenstapeln hinzugefügt, damit den Spielern die taktischen Möglichkeiten nicht ausgehen. Nach dem Kampf wird das Spielfeld wieder aufgeräumt, überlebende Einheiten kommen wieder in ihre Basen und die nächste Aufbau-Stufe beginnt. Das Spiel geht nun maximal vier komplette Runden, wobei in diesem Fall der oder die Verteidiger gewinnen würden. Der Angreifer gewinnt das Spiel, wenn er die Stadt angreift und keine verbleibenden Truppen zur Verteidigung mehr da sein sollten oder der Zustand der Stadt soweit gesunken ist, dass er diese einnehmen kann.

So, das ist der reguläre Spielablauf mit einem angreifenden Spieler und einen bis vier verteidigenden Spielern. Alternativ bietet “The Exiled Siege“ auch noch die Spielmodi “Full Cooperation Mode“, in dem 1-4 verteidigende Spieler gegen einen von der Spiel-KI gesteuerten Angreifer antreten. Im “Attacker Solo Mode“ hingegen übernimmt ein einzelner Angreifer das Spiel und kämpft gegen die Verteidiger der Stadt, die wiederum von der Spiel-KI gesteuert werden. In diesen Modi kommen weitere Spielmechaniken und Spielkarten zum Einsatz. Der Hauptspielmodus - und wohl auch reizvollster Teil von “The Exiled Siege“ - bleibt aber der einzige Part, in dem alle Seiten in der Hand von echten Menschen sind.

Bild 3: Ein Blick auf das Spielbrett zu Beginn der ersten Runde. Bisher stehen in der Stadt nur einfache Baracken und auch die Truppen wurden noch nicht verteilt.

Miniaturen und das Design der Spielelemente

Nun, ja, um ehrlich zu sein hauen mich die Miniaturen von “The Exiled Siege“ jetzt so gar nicht aus den Socken. Diese erinnern etwas an die Figuren aus “Risiko“, erfüllen ihren Zweck also vollkommen, aber der Detailgrad der Figuren ist jetzt eher gering. Dazu kommt noch, dass bei einigen Speerträgern die Speere ziemlich krumm sind und auch die generelle Verarbeitung der Falken, bei denen die Beine angeklebt sind und nicht mit dem gesamten Körper in einem Guss gefertigt wurden, etwas zu wünschen übriglässt. Komplett anders verhält es sich jedoch mit den übrigen Spielmaterialien, die sehr hochwertig sind und wunderschön illustriert wurden. Die Motive der Spielkarten mit Skizzen von Bauplänen und anatomischen Zeichnungen erinnern gar an Werke Leonardo da Vincis und auch die stabile Spielfläche zeigt eine stimmige Mittelalterlandschaft auf.

Bild 4: In Rot präsentieren sich die Verteidiger der Stadt.

Testspiel

Die taktischen Möglichkeiten des Spiels erwiesen sich im Test als sehr vielseitig. Vor allem die Möglichkeit des Angreifers jederzeit die Vorbereitungsphase durch einen Angriff zu beenden, stellte sich als sehr spannend heraus. So kann der Angreifer den Verteidigungsmaßnahmen der Spieler in der Stadt immer einen Riegel vorschieben, riskiert dabei aber selbst zu schwach für einen Angriff zu sein.

Das Spiel mit farbigen Blöcken auszuführen stelle ich mir echt unübersichtlich vor, schließlich unterschieden sich die Blöcke nur in 2 Größen und sechs Farben (und diese müssen 9 verschieden Einheiten darstellen). Mit Miniaturen hat man hingegen sofort einen genauen Überblick über alle teilnehmenden Streitkräfte auf dem Schlachtfeld.

Bild 5: Soldaten und Monster finden sich auf der Seite der barbarischen Angreifer.

Fragwürdig ist auf jeden Fall die Spieldesignentscheidung, dass man in “The Exiled Siege“ (vor allem im Full Cooperation Mode) mehrere Spieler als Verteidiger einsetzen kann. Das reduziert nicht nur die Spielzeit für diese Spieler, sondern führt auch zu Problemen bei der Verteidigung. Jeder Plan muss erstmal besprochen werden, was der Angreifer zusätzlich für seinen Vorteil ausnutzen kann. Andererseits imitiert das Spiel dadurch reale Umstände bei der Verteidigung einer Stadt, bei der z.B. Gildenvorsteher, das Kirchenoberhaupt und der Bürgermeister darum streiten, wie die Stadt am besten zu verteidigen sei. Ich persönlich würde “The Exiled Siege“ aber hauptsächlich alleine oder zu zweit spielen.

Die Anleitung von “The Exiled Siege“ ist gut, aber nicht in jedem Punkt perfekt. Während so gut wie alle Spielelemente und Schritte gut erklärt wurden und mit Bildern und Beispielen unterlegt sind, hätte ich mir gerade bei den Karteneffekten und deren strategischer Aufteilung doch etwas mehr Beispiele und Hinweise gewünscht. Teilweise sind Spielabschnitte auch unzureichend erklärt, so dass diese erst bei der Ausführung auf dem Spielbrett richtig klar ersichtlich werden.

Bild 6: Vier Angreifende Soldaten werden von drei Verteidigern auf einer Mauer der Stufe II erwartet.

Veröffentlichung

“The Exiled Siege“ erscheint bei Officina Monstrorum mit Sitz in Polen. Das Spiel ist bisher lediglich auf Englisch verfügbar. “The Exiled Siege“ erhaltet ihr bei Officina Monstrorum, auf der Produktseite von Board & Dice oder auch bei Amazon Deutschland. Zur Erweiterung des Hauptspiels ist zusätzlich noch ein Set mit weiteren Heldenkarten verfügbar. Seit kurzem sind zudem noch Plastikminiaturen zur besseren Darstellung der Belagerungswaffen erhältlich. 

Fazit

“The Exiled Siege“ bietet mit seinem toll umgesetzten mittelalterlichen Belagerungsszenario eine intensive Spielatmosphäre. Sowohl Angreifer als auch Verteidiger sehen sich mit zahlreichen strategischen Möglichkeiten konfrontiert und können diese dank eines verständlichen Spielprinzips umsetzen. Zusätzlich bietet das Spiel einen tollen Look, nur die Miniaturen hätten deutlich mehr Feinschliff vertragen können.

Verlag/ Label: Officina Monstrorum
Veröffentlichung: 00.10.2016
Spieleranzahl: 1- 5
Spielzeit: 120 Minuten 
Altersfreigabe: ab 13 Jahren
Webseite: http://officinamonstrorum.com
Webseite 2: https://shop.boardanddice.com/gb/glowna/97-the-exiled-siege-pre-order.html
Webseite 3: Amazon
Copyright Artikelbild: Officina Monstrorum; Mateusz Albricht
Copyright andere Bilder: Bilder 1 und 2: Officina Monstrorum; Mateusz Albricht; Bilder 3-6: borbarad666

  • 8/10
    Ausstattung - 8/10
  • 7/10
    Regeln und Spielmechaniken - 7/10
  • 7/10
    Verständlichkeit - 7/10
  • 8/10
    Spielspaß - 8/10
  • 8/10
    Langzeitmotivation - 8/10
7.6/10

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